Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Erfahrungen des Ostens als Chance begreifen

Von Mario Czaja, Stellvertretender Vorsitzender des VMEG

In diesen Tagen wird viel von der großartigen, euphorischen Stimmung im Lande gesprochen, die im Laufe der Fußballweltmeisterschaft entstand. Da ist sicher viel dran. Und ich möchte niemandem die gute Laune vermiesen, da ich selbst am liebsten lächelnd durch das Leben gehe. Doch als Kind der DDR weiß ich auch um die Gefahren der Selbstbejubelung, die blind für die Realitäten machen kann. Wie war das im Jahr 1990? Ein Großteil der Ostdeutschen ging offen und optimistisch die Wiedervereinigung an. Selbst das abrupte Ende von Millionen Erwerbsbiographien am 3. Oktober 1990 löste erst einmal keine massenhafte Verzweiflung aus. Die Bürger der DDR hatten Vertrauen in die Leistungskraft der bundesdeutschen Wirtschaft und gingen davon aus, schon bald integraler und gleichberechtigter Bestandteil des Systems sein zu können.

Doch diese Hoffnungen wurden oft enttäuscht. Die Menschen mußten erleben, daß es nicht überall den viel beschworenen Aufschwung Ost gab. Es wurde viel in Infrastruktur und den Absatzmarkt Ostdeutschland investiert, aber nicht ausreichend in die Stärkung des Mittelstands und zu wenig in die Bildung. Dazu kam, daß eben nicht nur die Elite in Staat und Partei, sondern häufig auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur freigesetzt wurde. Viel Erfahrung und Wissen blieb damit ungenutzt. Dazu kamen die Probleme im privaten Bereich. Ich denke an das unselige Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“, ich denke an die benachteiligenden Regelungen des Schuldrechtsanpassungsgesetzes, ich denke an abenteuerliche Konstruktionen, nach denen Grundstückseigentümer neuerdings Abwasseranschlüsse, die sie zu DDR-Zeiten de facto schon bezahlt haben, noch einmal bezahlen sollen. Viel mehr als der „Grüne Pfeil“ schien nicht überlebenswert. Doch langsam verändert sich diese Einstellung. Mit der schwindenden Wohlstandsreserve in Westdeutschland wächst die Erkenntnis, daß die ganze Republik von den Erfahrungen des Ostens einen „Mehrwert“ haben kann. Sei es bei der Wiederbelebung des Poliklinik-Gedankens, die nun integrierte medizinische Versorgungszentren genannt werden, sei es bei den Erfahrungen aus dem finnischen Schulsystem, was oft nichts anderes als die polytechnische Oberschule, eben nur ohne Ideologie ist oder sei es das wachsende Verständnis bei den aktuell drohenden Straßenausbaubeiträgen, daß es zu einem Paradigmenwechsel bei der Erschließung kommen muß und Standards ebenso reduziert gehören, wie die alleinige Entscheidungsgewalt der Bauverwaltungen. Vieles dauert jedoch zu lange.

VDGN und VMEG als inzwischen gesamtdeutsche Organisationen sorgen dafür, daß ostdeutsche Erfahrungen als Chance verstanden werden. Die Politik ist gut beraten, die nach wie vor besondere Situation des Ostens weder zu vergessen noch schönzureden, sondern sie auch in der Tat zu berücksichtigen. Auch weil die Stimmung auf Dauer nie besser als die Lage sein kann.

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