Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Die dörfliche Gemeinschaft entschied

Wie es im mecklenburgischen Gnevsdorf zu einer semizentralen Lösung für die Abwasserentsorgung kam

Im mecklenburgischen Gnevsdorf ist es engagierten Bürgern gelungen, eine fast schon beschlossene Zentrallösung für die Abwasserentsorgung zu verhindern und auf eine semizentrale Variante umzustellen. Wie das gelang, schilderte Hans-Georg Lauth aus Gnevsdorf auf der Fachtagung von VfU und VDGN am 10. Oktober zur semizentralen Abwasserbehandlung in einem Vortrag, den wir hier wiedergeben.

Gnevsdorf ist ein ländlich geprägtes Dorf, es liegt bei Plau am See in Mecklenburg. Unsere Einwohnerzahl ist stark rückläufig, 1999 betrug sie noch 247, Anfang 2006 nur noch 211 Personen. Tendenz: „weiterhin fallend“.

Gnevsdorf ist Mitglied im Wasser- und Abwasserzweckverband Parchim/Lübz. Die bebauten Grundstücke variieren flächenmäßig von etwa 400 bis zu mehreren tausend m² sehr stark. Die Bebauung ist zum Teil dicht, mehrheitlich aber auseinandergezogen, wobei die Wohnhäuser oft weit von der Straße zurückgesetzt liegen. Die Bodenverhältnisse verzeichnen nach der geologischen Grundkarte Geschiebelehm, bei dem eine Versickerung nicht möglich sein soll, bzw. Geschiebemergel und Sand. Die bisherige Abwasserentsorgung erfolgt mehrheitlich über mechanische Kleinkläranlagen mit Überlauf, ansonsten durch Abfuhr aus geschlossenen Gruben. Der Abwasserverband ließ, wie nicht anders zu erwarten, nur zentrale Abwassersammelsysteme projektieren: 

1. - mit Einleitung über eine Druckrohrleitung in die vorhandene verbandseigene Kläranlage in der drei Kilometer entfernten Nachbargemeinde Ganzlin und alternativ

2. - mit Zuleitung in eine neu zu errichtende Teichkläranlage in Gnevsdorf 

Beide Varianten wurden Anfang Februar 2004 in einer turbulent verlaufenden Bürgerversammlung aufgrund der sehr hohen Beitragskosten, die insbesondere Besitzer großer Wohngrundstücke treffen würden, abgelehnt. Eigentümer kleiner Grundflächen hingegen waren für eine zentrale Lösung, weil sie mit viel geringeren Beitragskosten rechnen konnten.

Eine von vielen Bürgern in der Versammlung geforderte dezentrale Entsorgung mittels biologischer Kleinkläranlagen lehnte der Verband entschieden ab. Statt dessen schlug er jetzt eine zentrale Mischwasserentsorgung vor, bei der das Abwasser und das Oberflächenwasser im selben Kanal transportiert und in eine Teichkläranlage eingeleitet werden sollten. Hiermit könnten die Beitragskosten für die Wohngrundbesitzer deutlich reduziert werden, da ein Großteil der Baukosten vom Landkreis zu tragen wäre, weil die Kanalführung hauptsächlich in einer Kreisstraße verläuft und die Baukosten entsprechend der zu transportierenden Volumina verteilt würden.

Die Gemeindeleitung verhielt sich zu diesem Zeitpunkt noch zurückhaltend neutral und verwies auf die für Abwasserfragen gegebene Zuständigkeit des Zweckverbandes.

Anfang März 2004 führten der Verband, das von ihm beauftragte Ingenieurbüro und die Untere Wasserbehörde mit der Gemeindevertretung eine „Vor Ort-Begehung“ durch, um den geplanten Kanalverlauf und die Lage des Klärteiches für das Mischwasserkonzept vorzustellen. Auch unsere Bürger-Interessengruppe, deren Bildung ich noch näher beschreiben werde, nahm durch mich vertreten daran teil.

Mitte April wurden vom Verband im gleichen Teilnehmerkreis die Baukosten vorgelegt und die Gemeindevertretung anschließend ultimativ aufgefordert, noch bis zum 30. April 2004 die Beantragung von Fördergeldern für die Mischwasserlösung vorzunehmen. 

Daraufhin erfolgte die Einberufung einer öffentlichen Gemeindevertretersitzung für den 23. April 2004. Unter starker Beteiligung der Bürgerschaft wurde hierin beschlossen, eine vierwöchige Fristverlängerung herbeizuführen und die Gemeindeleitung beauftragt, in dieser Zeit intensiv bei dem Verband und der Unteren Wasserbehörde darauf hinzuwirken, daß anstelle der bisher vorgestellten zentralen eine dezentrale Entsorgung über Kleinkläranlagen projektiert werden soll. Basis hierfür sollten vier Varianten sein, die von unserer Bürger-IG ausgearbeitet und mit dem Bauausschuß der Gemeinde bereits abgestimmt worden waren.

Diese Gespräche führten endlich dazu, daß der Verband eine der vier Varianten unter Kostenbeteiligung der Gemeinde als „Sonderlösung“ projektieren ließ. Diese Variante sah vor, daß in der Ortslage mit Geschiebelehm ein bereits vorhandener Regenwasserkanal zusätzlich auch das über biologische Kleinkläranlagen gereinigte Abwasser aufnimmt und einem offenen Vorfluter zuführt.

Die Kosten der „Sonderlösung“ wurden der Gemeinde Mitte August 2004 unter Vergleich mit den bereits genannten drei zentralen Varianten schriftlich mitgeteilt. Etlichen Grundannahmen, Berechnungen und Schlußfolgerungen dieser Kostenvergleichsrechnung habe ich als mittlerweile gewähltes Gemeinderats- und Bauausschußmitglied in einem siebenseitigen Antwortschreiben entschieden widersprochen und von mir ermittelte Werte dagegen gesetzt. Für weitere Einzelpunkte bestand darüber hinaus erheblicher Erklärungsbedarf. Unser Bürgermeister und der Bauamtsleiter haben diesen Brief inhaltlich mitgetragen und auch mit unterschrieben. Fachliche Details zu dem Antwortschreiben konnte ich im Vorfeld mit Frau Rettich und Herrn Beisert von der VDGN-Fachgruppe Wasser/Abwasser bestens abstimmen, wofür ich mich nochmals ausdrücklich bedanken möchte.

In einer Gemeindevertretersitzung am 25. Oktober 2004 mußte dann der Verband in seiner Stellungnahme unsere Ansichten größtenteils bestätigen. Die zentralen Varianten rechneten sich nun nicht mehr, da aufgrund unserer Einsprüche u.a. eine deutlich reduzierte Einwohnerzahl als Basis für die Kostenrechnungen anzusetzen war. Die Umlagekosten lagen nunmehr deutlich über der zugelassenen Höchstgrenze.

Da auch der Kreis jegliche Kostenbeteiligung für die Mischwasserlösung in absehbarer Zeit ablehnte, ließ der Verband nun ab sofort für Gnevsdorf nur noch die als „Sonderlösung“ bezeichnete dezentrale Variante verfolgen. Im Juni 2005 beantragte er bei der Unteren Wasserbehörde, ihn von der Abwasserbeseitigungspflicht zu befreien.

Wie sah der Weg hin zu einer semizentralen Entsorgung aus?

Kurz nach der chaotischen Bürgerversammlung Anfang Februar 2004 hatten sich mehrere Bürger, die zentrale Entsorgungsvarianten aus ökonomischen aber auch ökologischen Gründen ablehnen, privat zu einer Diskussionsrunde getroffen. Gemeinsam wurden unter Berücksichtigung der geologischen Gegebenheiten und bereits vorhandener Ableitungskanäle erste dezentrale Konzepte entwickelt und mit geschätzten Kosten belegt. 

Um unsere Konzepte „an den Mann zu bringen“, erkannten wir sehr schnell, daß dies nur mit einem gut organisierten Vorgehen geschehen konnte, also mit regelmäßigen Besprechungen, Protokollierung, Aufgabenverteilung, Zielfestlegung und -Verfolgung etc. Wir betrachteten uns fortan als Interessengruppe (IG), mir wurde deren Lenkung übertragen.

Unser Vorgehen war darauf ausgerichtet:

- kultiviert zu diskutieren

- sachlich zu überzeugen

- die Dorfgemeinschaft nicht in zwei „feindliche Lager“ aufzuspalten.

- politische Möglichkeiten auszuschöpfen (aber nicht unbedingt „auf die Straße gehen“.)

- fachlichen Beistand zu organisieren

- alle vom Verband vorgelegten Kostenberechnungen und deren Grundannahmen kritisch zu prüfen und gegebenenfalls Widerspruch einzulegen.

Unter diesem Motto führten wir innerhalb weniger Wochen Gespräche mit dem Umweltministerium, der Unteren Wasserbehörde, unserem zuständigen Landtagsabgeordneten, besuchten wöchentlich die Bürgersprechstunde des Bürgermeisters, ließen uns von verschiedenen Herstellern von Kleinkläranlagen beraten und sprachen mit Fachleuten für Bodenuntersuchungen.

Um unsere Interessen stärker in der Öffentlichkeit zur Geltung zu bringen, beschlossen wir, uns vereinsmäßig zu organisieren. Auf der Suche nach der geeigneten Form lernten wir den VDGN anläßlich eines Beratungsgesprächs am 20. April 2004 in Teterow kennen. Mit dem VDGN-Präsidium konnten wir nach einigem hin und her schließlich vereinbaren, daß wir Mitglieder im VMEG werden und eine Regionalgruppe gründen. Die erste öffentliche Mitgliederversammlung der Regionalgruppe Gnevsdorf fand dann am 11. Juni 2004 unter Leitung von Herrn Dr. Henkel statt.

Kurz vorher informierten wir noch alle Bürger von Gnevsdorf in einem Infobrief über den damaligen Sachstand und warben darin für eine dezentrale Abwasserentsorgung als ökologisch wie ökonomisch vernünftigste Lösung.

Mit diesem Vorgehen und durch unsere konkreten Lösungsvorschläge und die ständige Präsenz in den öffentlichen Bürgersprechstunden /Gemeindevertretersitzungen verschafften wir uns kommunalpolitisch Gehör und wurden fortan stets in die Entscheidungsprozesse eingebunden.

Über meine gewählte Mitgliedschaft im Gemeinderat und Bauausschuß konnten wir seit Juni 2004 den Fortgang zu einer vernünftigen und kostengünstigen Abwasserentsorgung noch effektiver gestalten. VDGN-Mitarbeiter sowie die von ihnen vermittelten Fachleute haben uns dabei mehrfach unkompliziert und wirkungsvoll unterstützt.

Die schon beschriebene „Sonderlösung“ sieht neben dem bereits vorhandenen Regenwasserkanal noch ein Überlaufbauwerk und eine Kanalverlängerung vor, deren Bau- und Betriebskosten nach kommunalem Recht nur auf die daran angeschlossenen Betreiber umgelegt werden können. Dies würde für diese Anwohner sehr hohe Kosten bedeuten, zumal sie auch noch zusätzlich einzelne Kleinkläranlagen installieren und warten müßten. Die Gemeindevertretung war mit dieser Lösung noch nicht einverstanden und ließ deshalb von der ARGE Ing. Büro Berndt & Kuhns aus Putlitz/Pritzwalk eine Alternativlösung untersuchen, die deutliche Kostenreduzierungen bringen sollte, nämlich eine Gemeinschafts-Kleinkläranlage mit einem neu zu verlegendem reinem Abwasserkanal als semizentrale Lösung für den Ortsbereich mit Geschiebelehm.

Hiermit erhofften wir uns günstigere Bau- und auch niedrigere Betriebskosten als bei Einzel-Kleinkläranlagen pro Baugrundstück plus Kanal bei der „Sonderlösung“. Zwischenzeitlich liegt die Projektierung vor und zeigt das erwartete Ergebnis. Für 24 anzuschließende Wohngrundstücke wird mit ca. 75.000 Euro Baukosten für die semizentrale Lösung gerechnet gegenüber 250.000 Euro, die bei der „Sonderlösung“ für diesen Ortsbereich anfallen würden. 

In einer Versammlung am 28. September 2006 haben sich die betroffenen Anwohner klar für diese semizentrale Lösung ausgesprochen. Die Gemeindeleitung wird nun beim Verband und der Unteren Wasserbehörde beantragen, die „Sonderlösung“ hierdurch zu ersetzen und die semizentrale Entsorgung zu genehmigen.

Es ist uns gelungen, eine fast schon beschlossene zentrale Abwasserentsorgung noch auf eine dezentrale/semizentrale Lösung umzustellen, was ohne die gemeinsamen Anstrengungen von engagierten Bürgern, dem Gemeinderat und unserer VMEG-Gruppe sehr wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen wäre. Letztlich hoffen wir nun, daß auch noch die zuständigen Behörden ihren Segen hierzu geben.

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