Verband Deutscher Grundstücksnutzer

12.07.2012

„Die Stadt säuft ab“ - Reportage aus Lübbenau

Hausbesitzer fordern: Koordiniert handeln, sonst sehen wir kein Land mehr!

Lübbenau, das Städtchen im Spreewald, wäre ohne das nasse Element nicht denkbar. Urlauber und Ausflügler kommen zu Tausenden, um bei einer Kahnfahrt durch die Fließe eine einmalige Wasserlandschaft zu entdecken.

Gift für Menschen und Häuser
Wasserlandschaften anderer Art haben sich dagegen in hunderten Kellern breitgemacht. Steigendes Grundwasser bedroht in Lübbenau 600 bis 800 Häuser. Kleine Eigenheime, die meist in den 70er Jahren gebaut wurden, und große Mietshäuser. Nasse Fundamente, aufsteigende Feuchte sind Gift fürs Bauwerk und für die Menschen, die darin wohnen. Denn mit dem Wasser kommt der Schimmel. Wer nicht dauernd dagegen anpumpt und trocknet, muß befürchten, seinen Besitz früher oder später an das feuchte Element zu verlieren. In Gutachten für Versicherungen stünden häufig Schadenssummen von 50.000 bis 70.000 Euro, erzählt Götz Dittrich. Der frühere Bergbauingenieur beklagt große Nässeschäden in seinem Haus. Immer bereit stehen Gummistiefel für den Fall, daß die von ihm installierten Pumpen es nicht schaffen, der Wassermassen  Herr zu werden. „Räume meiner E-Werkstatt im Keller sind kaum noch benutzbar. Die Stadt säuft ab“, so drastisch kommentiert Funkingenieur Bernd Baer aus der Nachbarschaft die Lage.

Grundwasser eroberte altes Niveau
Seit zehn Jahren geht das jetzt so. Als Braunkohlentagebaue in der Region dicht gemacht, Grubenpumpen stillgelegt wurden, der Trinkwasserbedarf gegenüber der früher benötigten Menge stark zurückging, kam das bislang von der Stadt ferngehaltene Grundwasser zurück. Es eroberte sich das alte Niveau. Regnet es dann noch ausgiebig, laufen zahlreiche Lübbenauer Keller sofort voll. Besonders dramatisch war die Lage 2010, als es heftige Niederschläge gab. Auch Kleingarten- und Erholungssiedlungen waren auf einmal zur Seenlandschaft geworden, bestätigt Wilfried Kadalowski von der Kleingärtnersparte „Jugend“. Die Schäden an Bauwerken, Inventar, Pflanzungen waren immens.

Um große Wassermengen schnell genug ableiten zu können, fehle das früher intakte umfangreiche Grabensystem mit Hebewerken und Wehren, erklärt Helmut Knothe eine der Ursachen. Der Hydrogeologe, früher einmal Leiter der Geotechnik im Tagebau, ist heute Sprecher der Lübbenauer Bürgerinitiative. Viele, die vom Grundwasseranstieg betroffen waren, taten sich vor zehn Jahren zusammen, um ihre Interessen bei den Verantwortlichen von Stadt und Land zu artikulieren. Ausgestattet mit einer großen Portion Fachwissen, wollten sie nicht nur meckern, sondern ihre Hilfe anbieten, ihre Erfahrungen einbringen.

Zunächst sah es gut aus, sie setzten Hoffnung in die für die Bergbau-Nachfolge verantwortliche Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV). Die  erfaßte die Schäden bei den Betroffenen, maß 680 Keller in der Stadt aus, schloß Vereinbarungen mit den Hausbesitzern und unterstützte anteilig den Kauf und Betrieb von Pumpen und Luftentfeuchtern.

Aber damit waren die Ursachen des Übels nicht beseitigt.  Die Mitglieder der Bürgerinitiative schrieben Briefe, protestierten, klapperten die vielen „verantwortlichen Stellen“ ab: Stadtverwaltung, Ministerpräsident, Landesumweltamt, Wasser- und Bodenverband, Wasserversorger, LMBV.  „Doch keiner half uns wirklich aus der Patsche. Jeder macht nur seins. Das ist bis heute so. Die Koordination fehlt völlig“, stellt Helmut Knothe beinahe resigniert fest. Ein ums andere Mal wurden sie vertröstet.

Was die Männer aus der Bürgerinitiative so erzürnt, ist die Hinhaltetaktik von Behörden und Politikern: Dabei sei das Problem beherrschbar, sind sie überzeugt. „Neue Situationen erfordern neue Lösungen“, bringt es Götz Dittrich auf den Punkt. „Das Grundwasserniveau müßte dauerhaft um einen halben Meter abgesenkt werden, um die Gefahr für die Stadt und unsere Häuser zu bannen“, fordert Helmut Knothe: „Technische Lösungen dafür gibt es. “ Er verweist auf das vor zwei Jahren fertiggestellte Schöpfwerk mit vier leistungsfähigen Pumpen. Dessen Betreiber, der Wasser- und Bodenverband, setze es nur in Gang, wenn er einen Auftrag dafür erhalte, sagt Knothe. Und den gibt es wohl nur im Katastrophenfall. Unhaltbar finden die Männer der Bürgerinitiative diesen Zustand.

Sie fordern, auch die alten Entwässerungsgräben wieder funktionstüchtig zu machen und ein Hochwasserschutzwehr zu schließen. All das würde helfen, anfallendes Regenwasser schnell abfließen zu lassen und einen Rückstau in die Stadt zu vermeiden, sind sie überzeugt.

Hoffnung keimte auf, als die LMBV zusammen mit dem Wasserwerk der Stadt vor wenigen Monaten einen großangelegten Versuch unternahm: Rund um die Uhr wurde Grundwasser abgepumpt. Und siehe da –  der Pegel sank wenigstens in Teilen der Stadt Zentimeter um Zentimeter. „Würden die Pumpen kontinuierlich arbeiten, wäre ein Teil der Lösung in Sicht“, betont Hans-Jürgen Lux.

Doch nun hörten sie plötzlich von den Wasserwerken, das Ganze müsse sich „rechnen“, das geförderte Wasser auch verkauft werden können. – Eine kalte Dusche für die Mitglieder der Bürgerinitiative, nicht zum ersten Mal. Daß die Lübbenauer dennoch nicht aufgeben, ist wohl vor allem einer gewissen Dickköpfigkeit zu danken, die man dem Menschenschlag in der Lausitz nachsagt. Und einer starken Bindung an Haus, Hof und Landschaft.     

Kerstin Große