Verband Deutscher Grundstücksnutzer

12.07.2012

Die Angst vor dem Wasser

VDGN fordert intelligentes Grundwassermanagement, bundesweit

„Für die Tiefkühltruhe mußte ich eine Art Podest bauen“, erklärt Bernd Aderholt, während er in seinen gelben Gummistiefeln durch den Keller watet, um Vorräte in die Truhe zu legen. 15 Zentimeter hoch steht das Wasser, die Wände zeigen deutliche Spuren der Vernässung, die Regale rosten. Seiner Nachbarin geht es nicht anders. „Ich mache mir große Sorgen, weil meine Heizung im Keller steht. Wenn die Pumpe ausfällt und das Wasser steigt, gibt es bei der Heizung einen Kurzschluß. Und was dann“, fragt Vera Radeboldt leise. Es sei Winter. Von den fast 90 Anwohnern rund um den Vorstadt- und Bruchgrabenweg sind mehr als die Hälfte von dem steigenden Grundwasser betroffen. Seit dem Frühjahr 2011 steht bei den Berlin-Biesdorfern Wasser im Keller. Bei den Behörden bemühten sich die Betroffenen seither um Hilfe. Vergebens. „Als erstes haben wir die Kummer-Nummer der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus angerufen“, so Aderholt. Das sei aber nur der Beginn einer Endlosschleife zwischen verschiedenen Senatsverwaltungen, Ressorts und Ansprechpartnern gewesen. Das Problem würde schlichtweg ignoriert.

Im Bebauungsplanverfahren 10–17 VE für die „Wohnsiedlung Budsiner Str.” – einem angrenzenden Siedlungsgebiet – hieß es noch: „Der Bruchgrabenweg ist Teil einer einheitlichen Vorstadtsiedlung, die in ihrem Erscheinungsbild geschützt und behutsam weiter entwickelt werden soll“. Nur drei dieser Siedlungen mit den typischen Spitzdachdoppelhäusern, die in den 30er Jahren entstanden, gibt es noch Berlin. Doch der Schutzstatus scheint jetzt zu enden. Denn den Anwohnern zu helfen, würde Geld kosten. In Berlin längst kein Einzelfall. Die Siemenswerke gehören zu den Berliner Industriedenkmälern – in den Kellern steht das Grundwasser. Jährlich wendet das Unternehmen 500.000 Euro auf, um das Wasser abzupumpen. Unterstützung vom Land, Lösungsvorschläge? Keine. Von der Senatsumweltverwaltung heißt es nur: Jeder Eigentümer ist selbst verantwortlich. Bei öffentlichen Gebäuden hingegen wird das Problem großzügiger gehändelt. Da greifen die Politiker schon mal freizügig in das Sahnetöpfchen der Steuergelder, beispielsweise um das Bundesratsgebäude trockenzulegen. Was sind schon 24,4 Mio. Euro?

Grundwasser steigt
Da können Berliner aus dem Rudower Blumenviertel, Kaulsdorf/Mahlsdorf, Friedrichshain, Siemensstadt, Tegel, Frohnau, Heiligensee, Charlottenburg – die Liste ließe sich beliebig erweitern – nur neidisch staunen. Für sie ist keine dauerhafte Lösung in Sicht: In Rudow beispielsweise fiel im November die Brunnengalerie am Glockenblumenweg wegen Wartungsarbeiten aus. Die Anwohner erfuhren das, weil der Grundwasserpegel stieg. Nicht etwa, weil sie von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt vorab informiert wurden. Verantwortungsgefühl gegenüber den Betroffenen? Fehlanzeige! Erst auf schriftliche Anfrage des Verbandes Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN) sah sich Dr. Monika Kehlbacher von der Abteilung Integrativer Umweltschutz genötigt, mitzuteilen, daß die verkrusteten Rohrleitungen gesäubert werden mußten und die Arbeiten voraussichtlich am 15. Dezember abgeschlossen seien.

Steigendes Grundwasser ist seit vielen Jahren in Berlin als Problem bekannt. Doch die Politiker sahen sich außerstande, dieses Thema ernsthaft anzugehen oder gar ein Lösungskonzept vorzulegen. Laut Berliner Wassergesetz und Grundwassersteuerungsver-ordnung waren und sind siedlungsverträgliche Grundwasserstände zu gewährleisten – allerdings nur im Rahmen der Förderung für die öffentliche Wasserversorgung. Doch der Wasserverbrauch und damit die Fördermengen an Grundwasser sind rückläufig. Ein Grund für das Land, jede Verantwortung von sich zu weisen? Wohl kaum. Allein 2010 erzielten die Einnahmen durch das Grundwasserentnahmeentgelt eine Höhe von insgesamt 51,80 Mio. Euro! Im Gegenzug wurde in grundwasserregulierende Maßnahmen im gleichen Jahr nur ein winziger Bruchteil von 335.000 Euro investiert.

Gesundheit Betroffener schützen
Der VDGN engagiert sich seit mehr als zwölf Jahren für die Betroffenen. Denn es geht nicht nur um die Schäden an Fundamenten und Häusern, die für viele Bewohner die Existenzgrundlage bedeuten. An erster Stelle geht es um die Gesundheit der Menschen, die durch die Schimmelbildung in den Gebäuden gefährdet sind. In einem Positionspapier wiesen der VDGN gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Berlin, dem Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen e. V., dem Gemeinnützigen Verein zur Förderung und Pflege der städtischen und kommunalen Umwelt e. V. (VfU), dem Bund der Berliner Haus- und Grundbesitzervereine e. V. Berlin-Brandenburg und dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen auf die Mißstände hin und forderten von den Politikern, sich endlich dieser Problematik zu stellen. Die ehemalige Gesundheits- und Umweltsenatorin Katrin Lompscher war mit der Situation deutlich überfordert. Jede Einladung des VDGN zu Gesprächen und Podiumsdiskussionen mit Betroffenen lehnte sie kategorisch ab.

Jetzt sind siedlungsverträgliche Grundwasserstände und Regenwassermanagement im Koalitionsvertrag für Berlin festgeschrieben: „Eine stadtweite Grundwassersteuerung ist lückenlos zu betreiben. Hierbei sind die Wasserwerke und alle privaten Entnehmer zu berücksichtigen. Ziel der Koalition ist es, siedlungsverträgliche Grundwasserstände für Berlin zu erreichen.“ Für Berlin ein großer Gewinn. Doch die Hauptstadt ist nur eine Region von vielen, die mit steigendem Grundwasser zu kämpfen hat. Der VDGN und seine Mitgliedsvereine fordern ein intelligentes, bundesweites Grundwassermanagement. Es kann nicht sein, daß einige Gebiete nach jedem Tropfen Wasser lechzen, während andere buchstäblich absaufen. Auf der 13. Ordentlichen Delegiertenversammlung des Vereins der Eigenheim- und Grundstücksbesitzer in Deutschland e. V. (VMEG) – dem größten Mitgliedsverein im VDGN – wird aus diesem Grund am 25. Februar ein Beschlußentwurf zu siedlungsverträglichen Grundwasserständen zur Abstimmung vorgelegt.

So vielfältig die Ursachen für den Anstieg der Grundwasserpegel sind, nur in Einzelfällen kann der Hausbesitzer selbst für Wasser im Keller verantwortlich gemacht werden. Vorrangig verursachen Bergbau, grundwasserabsenkende Maßnahmen für Bauprojekte, erhöhtes Niederschlagsaufkommen, das Anstauen von Gewässern oder der Rückgang des Wasserverbrauchs und die damit geringeren Fördermengen von Grundwasser u. a. das Steigen der Pegel. Und dafür tragen der Staat, die Länder, Kommunen und andere Verursacher im Rahmen der öffentlichen Daseinsvorsorge die Verantwortung. Eine Umfrage des Deutschen Städtetages ergab bereits 2002: 46 Prozent der 730 befragten großen Städte hatten mit sehr hohen Grundwasserpegeln zu kämpfen, darunter Berlin, Hamburg, München, Köln und Dresden.

Erfolgreiches Grundwassermanagement
Für Grundwassersanierung durch Bergbau wurde von Bund und Ländern eine Gesetzesgrundlage geschaffen: § 3 des Verwaltungsabkommens Braunkohlesanierung. Über dieses Abkommen steht der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) für den Zeitraum von 2008 bis 2012 ein Budget von 260 Mio. Euro für das Lausitzer Revier und den mitteldeutschen Raum zur Verfügung. Von diesem Geld bekam beispielsweise das schwer beschädigte Barockschloß Altdöbern ein 50 Zentimeter starkes, neues Betonfundament und wurde gerettet. Hauptsächlich aber profitieren Betroffene in den Regionen von dem Abkommen. Pumpanlagen werden installiert, Drainagesysteme entwickelt und gebaut und Häuser angehoben.

Der Bauunternehmer Ulrich Wendt hat gemeinsam mit dem Entwickler dieser Methode, dem Ingenieur Bernfried Sudbrack – der auch den schiefen Turm von Pisa rettete – in Burghammer die ersten Häuser aus dem Wasser gehoben. Inzwischen gehen etwa 30 Hausanhebungen auf sein Konto. „Wir werden in der Region bestimmt noch zehn bis 20 Jahre zu tun haben“, schätzt Wendt. Er ergänzt: „Inzwischen wurde das Bergbau-Abkommen nachgebessert. Die Betroffenen bekommen statt 80 Prozent wie am Anfang, jetzt bis zu 100 Prozent finanziert. Um eine Finanzierung zu bekommen, sollten Betroffene sich jedoch mit der Materie beschäftigen.“

In München kühlt Grundwasser ein Rechenzentrum: Dafür wird das Wasser aus den Dükerbauwerken (unterirdische Rohrsysteme) der U-Bahn entnommen, in den Kühlkreislauf des Forschungs- und Innovationszentrum der BMW Group geleitet und wieder zurück. Nette Nebeneffekte gegenüber einer herkömmlichen Kompressionskälteerzeugung: eine jährliche Stromeinsparung von 10 Mio. Kilowattstunden, was etwa dem Stromverbrauch von 3.000 Münchner Haushalten entspricht sowie eine jährliche CO2-Einsparung von ca. 6.000 Tonnen, gleichzusetzen mit einer PKW-Fahrleistung von 38 Mio. Kilometern im Jahr. Für dieses innovative Projekt erhielten die Stadtwerke München und die BMW Group 2006 den Bayerischen Energiepreis. Seit 2004 läuft die Anlage ohne Unterbrechung. Das Verfahren lässt sich auf U-Bahn-Dükeranlagen in Großstädten übertragen.

Eine ähnlich innovative Lösung wird es in Hoyerswerda geben: Am Lessing-Gymnasium heizt überschüssiges Grundwasser künftig das Gebäude. Drei Horizontalfilterbrunnen pumpen derzeit das Grundwasser zur Trockenhaltung der Stadt ab. An der Steinstraße gibt es einen Sammler. Von dort aus fließt das Wasser zum Westrandgraben. Künftig sollen von dort je eine Leitung in den Heizungskeller der Schule und eine wieder zurückführen. Etwa 230 Meter gilt es zu überbrücken. Wenn die Wärmepumpe dann in Betrieb geht, werden dem Sammler stündlich mehr als 30 Kubikmeter Wasser entzogen. Das entspricht etwa einem Zehntel des abgepumpten Grundwassers.

Es gibt also vereinzelt Lösungsansätze, per Gesetz und durch innovative Ideen. Diese gilt es zu bündeln und zu koordinieren. Die Einrichtung einer Grundwasserkonferenz – einer Gesprächs- und Entwicklungsrunde von Experten, Politikern und Betroffenen – wäre somit nicht nur für die Hauptstadt ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Monika Rassek